Dienstag, 15. Oktober 2013

Ich kenne Menschen aus Fleisch und Blut, Nullen und Einsen

Ich unterhalte mich gerne mit alten Menschen. Dank des demografischen Wandels sind die ja auch gar nicht mal so schwer zu finden. Ich muss nur die Wohnungstür aufmachen, eine Etage tiefer gehen und schon bin ich da. Oder Omma anrufen.

Was irgendwie allen alten Leuten in meinem Umfeld gemein ist: sie sorgen sich. Omma treiben momentan die Fragen um, ob die Enkelin vernünftig isst, ausreichend schläft und (an erster Stelle), ob sie nicht doch bald, ganz bald mal wieder einen Mann anschleppt. "Du hälst aber schon die Augen auf, oder?" "Ja, Omma..." "Und man kann da ja auch aktiv was machen. Du musst nicht warten, bis einer vor der Tür steht!" "Jaaaaa, Omma!" Man muss sie einfach lieb haben. Also wirklich, ganz ohne Ironie. Tollste Omma! (auch wenn ich ihr das "Du solltest über eine Miederhose nachdenken!" heute immernoch etwas übel nehme).

Keinen Druck bitte, Omma!

Während Omma also alle Mittel und Wege in Erwägung zieht, um mich wieder an den Mann zu bringen und mir selbst dabei auch das Internet ans Herz legt (sie selbst war Ende der 90er selbst mal mit piependem Modem im Internet unterwegs. An Oppas Computer. Verbotener Weise. Ihr Anruf mit dem leise geflüsterten Hilferuf "Ich komm hier nicht mehr raus!" macht mir heute noch die Augen feucht), ist meine Frau Nachbarin da etwas skeptischer.

Ihr Schwiegersohn macht jetzt in Internet. Und der Enkel findet darüber Freunde. "Geht das denn? Da sind doch nur Ganoven und falsche Menschen!" Sie ist sehr besorgt, dass ihre angeheiratete Familie einem finsteren Kriminellenring angehört, die mit fiesen Machenschaften armen Leuten das Geld aus der Tasche ziehen. Und ihr Enkel nur Dealer und zwielichtige Gestalten trifft.

Ich hab ihr dann mal ein bißchen aus meinem Leben erzählt. Okay, die Geschichte meiner ersten Onlinebekanntschaft zog ihr nicht wirklich die Sorgenfalten von der Stirn. Damals fuhr ich mit gebrochenem Herzen und dem Wunsch nach Tapetenwechsel einfach mal für 4 Tage nach München. Ich war 18, also groß und erwachsen, und wollte weg. Im Internet hatte ich diesen Typen kennen gelernt (gmx-Chat! Kennt das noch jemand?), von dem ich nicht mehr hatte als ein unscharfes, kleines Foto, auf dem er, sagen wir mal, nicht grad den Eindruck hinterließ, der Mütter ihre jungen Töchter einfach in die Welt schicken lässt. Letztendlich waren es die lustigsten 4 Tage seit langer Zeit und der Gastgeber ein wirklich, wirklich, wirklich lieber Mensch. Und so entdeckte ich das Freunde im Internet finden für mich. Zuerst über das bloggen, dann (schließlich war der Freund weg und Omma auch damals schon sehr interessiert daran, mich unter die Haube zu bringen) über Plattformen wie den guten alten Liebesalarm, über Foren, Communities, twitter, you name it.

"Aber, Frau S., woher wissen Sie denn, dass diese Menschen nichts böses im Schilde führen?" Naja, hm, gute Frage. Im Fall von München gehörte sicher irgendwie auch etwas jugendlicher Leichtsinn dazu. Ob ich das heute nochmal so machen würde - ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich bisher aber auch einfach Glück. Und die Personen am anderen Ende der Leitung sind ja eben auch nur Menschen. Zumal man sich auch digital schon gut kennen lernen oder zumindest irgendwie einsortieren kann. Und dann sitzt man, wie am vergangenen Wochenende, nach ca. 10 Jahren gemeinsam in einem Essener Keller und es fühlt sich so an, als würde man sich schon ewig kennen. Was ja eigentlich auch stimmt. Nur bestand dieser Mensch bisher aus Nullen und Einsen und materialisiert sich plötzlich in Fleisch und Blut. Verrückt!

Ich hab natürlich auch etliche Freunde, die ich durch Schule, Hobbies, Beruf oder weiß der Himmel wie offline kennengelernt habe. Aber für kein Geld der Welt will ich auf meine Onlinefreunde verzichten, ob sie mittlerweile "real" geworden sind oder (noch) nicht. Und diese ganzen tollen Menschen wären mir wahrscheinlich entgangen, wenn ich damals nicht mit dem gmx-Chat angefangen hätte.

Dass ich auch meinen Job "aus dem Internet" habe, da gelegentlich einkaufe, meine Bankgeschäfte online erledige und private Daten in eine Wolke schiebe, war dann zu viel für die Nachbarin. Da musste sie erstmal einen Schluck Sekt drauf nehmen. Aber die größten Sorgen, die konnte ich ihr nehmen. Und demnächst entdecken wir gemeinsam die bunte, weite Onlinewelt.

1 Kommentar:

  1. Iiiiiih Internet, Teufelswerk und wie wir alle wissen das Ende der Privatsphäre. Sicher ist da was dran, aber in 10-20 Jahren werden wir alle so eine Art Tablet (oder wie das dann heißt) haben und keinen Briefkasten mehr am Haus. Telefonate, Rechnungen, Banking alles wird online gemacht und von überall. Man kann streiten, ob das wirklich gut ist, denn mit jeder regulären Rechnung besteht die Gefahr sich auch eine Fakerechnung ins Haus zu holen. Wichig ist, nicht den gesunden Menschenverstand abzuschalten und wie beim Navi einfach mal links abzubiegen, nur weil die Stimme sagt "jetzt links abbiegen".

    LG
    Michael

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