Sonntag, 19. August 2012

Reisetagebuch Island, Tag 5 – 18.07.2012

Die Nacht über hat es durchgeregnet. Irgendwann zwischen 3 und 4 Uhr stieg ein fürchterlicher Schwefelgeruch auf. Die Asche, die überall rumliegt, ist noch so frisch und schwefelgetränkt, dass der Regen das Zeug auswäscht und in die Luft abgibt. Herrlich… 

Um 10.30h geht es mit unserem Sechsertrupp im Regen weiter zur letzten Etappe des Laugavegur. Tagesziel ist heute Porsmork. Dort soll es drei Zeltplätze geben, einer mit Sauna und Hotpot (=sowas wie ein Whirlpool, aber ohne Geblubber und mit Wasser aus einer warmen Quelle). Vor meinem geistigen Auge ist Porsmork ein Dorf mit Straßen, Häusern, Leben…



Wir laufen durch tiefen, feinen, schwarzen Sand (anstrengend!), durch bergige Täler (ja, sowas gibt es!), tendenziell immer bergab. Wir seilen uns an großen Felsen ab, wobei ich mich lieber auf meinen Hintern setze und den großen Stein runter rutsche. Der schwere Rucksack auf dem Rücken macht mich nicht grade zuversichtlich, da nur an einem kleinen Seilchen runter zu kommen. 





15km misst die Strecke, zwischendurch Steigungen, viele Steine, leere Flussbetten, volle Flussbetten und kurz vor dem Ziel müssen wir nochmal furten. Wir sind alle müde, haben in den letzten Tagen wenig gegessen und in der letzten Stinke-Nacht auch schlecht geschlafen, die Füße tun weh, denn mittlerweile haben alle mehrere Blasen. Auch wenn heute die Stimmung gut ist – zu diesem Zeitpunkt sind alle irgendwie durch. Also das alte Spiel: Schuhe aus, Sandalen an, Hose hoch krempeln, Rucksack wieder auf und ab durch die Mitte. Strömung, viele Steine, aber schnell sind wir drüben. Da dann alles gründlich abtrocknen, Socken wieder an, Wanderstiefel schnüren… 



Plötzlich materialisiert sich ein Wikinger auf der anderen Flussseite. Dort verstellt kein Hang die Sicht, wir hätten ihn sehen müssen. Haben wir aber nicht. Obwohl der Hüne locker 3 Meter groß ist. In Lederstiefeln mit Gamaschen, kurzer Hose, Wollpulli und Wollfäustlingen steht er da, ein Kantholz in der Hand (!?), kratzt sich kurz den hellblonden Schopf und stapft dann durch den knietiefen Fluss, als wäre dort kein Wasser, sondern weiche Wiese. Sein Lehrling, der noch jung ist und daher nur 2,50m misst, zögert kurz, tut es ihm dann aber gleich und watet ebenfalls in voller Montur durch die Strömung. Wir sechs sitzen nur mit runtergeklappten Kiefern am Rand und fragen uns, ob die anderen das wohl grade auch sehen. Nur Patrick schafft es, drei Worte mit dem Wickinger zu wechseln, bis dieser verschwindet und offensichtlich mitten durch den Berg seinen Weg fortsetzt. Als der Stein sich hinter ihm schließt, brechen wir alle fast gleichzeitig in schallendes Gelächter aus. Ein Foto hat natürlich keiner gemacht. Aber wir sind uns alle einig: hätten wir es versucht, wäre auf dem Bild eh nur ein weißer Schein zu sehen.

Noch ca. 30 Minuten bis zum ersten Zeltplatz. Hier erinner ich mich wieder, dass ich auf Island bin und nicht zu Hause. Drei Zeltplätze machen keinen Ort, viele Touristen bedeuten nicht automatisch Häuser und Läden. Genau genommen sehen wir nichts und niemanden. Dafür endlich wieder Bäume. Wir schlagen und durch einen niedrigen Wald, verabschieden die anderen drei und setzen unseren Weg durch ein ewig langes, wasserleeres, dafür mit Geröll befülltes Flussbett fort. 






Noch eine knappe Stunde arbeiten wir uns durch die Steine, bis wir endlich am Zeltplatz „Basar“ ankommen. Wir wollen morgen über einen Gletscher, die anderen nicht, daher wählen wir den Platz, der am nächsten an der morgigen Strecke dran ist. Leider regnet es und ich bin todmüde, daher nehme ich den schönen Platz mit Bäumen, großen Holztischen und schönen Wildblumenvasen nur nebenbei wahr. Aber wir essen heute an einem Tisch, sitzen trocken und warm in einer Hütte und freuen uns über diese kleinen Dinge mehr, als man sich jemals über ein all inclusive Buffet im Standhotel freuen könnte. 



Wir haben jetzt 5 Tage in Island verbracht – gefühlt mindestens 2 Wochen. So viele Eindrücke, dass das klare Denken schon schwer fällt. Man fühlt sich wie ein Kind, das an Weihnachten mit Geschenken überhäuft wird. Es ist fast zu viel. Und trotzdem unfassbar toll.

Kommentare:

  1. Wahnsinn, deine Bilder, deine Berichte, diese Erlebnisse!
    Ich finde es großartig, was ihr macht und dass du auch noch die Kraft hast, das hier zu schreiben, wenn du eigentlich schon total müde bist. Es ist toll, hier mitzulesen, da es solche unmittelbaren und ungefilterten Gedanken sind, die einen sehr guten Eindruck von der Reise vermitteln ... vielen Dank dafür!
    Ich wünsche euch weiterhin eine gute Reise.

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  2. Hahaha, ich habe gerade beim Zurückblättern deiner Posts gesehen, dass deine Berichte gar nicht "live" sind :-), wie blöd ich bin.
    Aber du hast sie ja trotzdem "live" geschrieben, ändert also nix an dem, was ich geschrieben habe. Nur die "gute Reise" brauche ich euch ja nicht mehr zu wünschen :-)

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    1. :) Vielen Dank! Wir sind tatsächlich schon wieder zwei Wochen zu Hause (2 WOCHEN???) und um die Erlebnisse nicht direkt wieder zwischen Arbeit und Freizeit"stress" zu vergessen, nutze ich den Blog, um mein Reisetagebuch abzuschreiben. Die Kraft habe ich auf Island also handschriftlich in ein kleines Buch gesteckt, jetzt wird aufgearbeitet. :) Freut mich sehr, dass es dir gefällt. Island ist absolut eine Reise wert!!

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