Donnerstag, 14. Juni 2012

Der Fußballgott wohnt in Essen


Ich gebe ja zu: mich lockt so schnell nichts in eine Kirche. Bis auf einige wenige Hochzeiten, habe ich in den letzten Jahren keinen Fuß mehr in ein Gotteshaus gesetzt. Die Aussicht auf ein spannendes Fußballspiel in einem mal richtig ungewöhnlichen Rahmen, lockte mich untreues Schäfchen dann aber doch mal wieder in das Haus des Herrn.

In Essen, genauer gesagt im Südviertel, steht die St. Engelbert Kirche, die schon seit 2007 nicht mehr als ebensolche genutzt wird, sondern seit dem Herbst 2011 dem Verein ChorForum Essen als Probe- und Veranstaltungsort dient. Bis zu 400 Personen passen in das Kirchenschiff, zusätzlich bieten zahlreiche Räume im Untergeschoss ausreichend Platz für Proben und Arbeitsgruppen.

Hinter der Idee, die Kirche zu einem Kulturhaus umzufunktionieren, steht Alexander Eberle, der Chordirektor des Essener Aalto Theaters. Und da Herr Eberle so ein pfiffiges Kerlchen ist, kommt er auch mal mit Ideen um die Ecke, die im ersten Augenblick vielleicht etwas schräg wirken, bei genauerer Betrachtung aber einfach genial sind. Und dazu noch einen guten Zweck haben, ging es doch gestern auch darum, für die Anschaffung einer neuen Orgel ein paar Spenden einzusammeln.

Und so kam es, dass wir uns das Spiel Deutschland gegen die Niederlande ohne Ton anguckten. Dafür mit Orgelbegleitung. Bitte wie?

Ein Kirchenschiff, bunte Fenster, durch die das Licht so schön reinfällt, erleuchtete Kerzen überall, vorne eine Orgel, die leise spielt und dazu dieser bestimmte Geruch, den man noch von früheren Gottesdiensten kennt… So weit, so Kirche. ABER! Über dem Eingang eine große Leinwand, im Gang ein Beamer, neben der Leinwand ein Bierstand und ein Grill, an dem  fröhlich quatschende Menschen ihre Würstchen aufs Rost schmeißen. Statt Bänken stehen Stühle im Raum, auf denen sich nach und nach ein ganz gemischtes Publikum einfindet, einige mit Trikots und Fahnen, andere unauffällig, aber alle in Vorfreude auf ein tolles Spiel.

Mist-Kamera-vergessen-schlechtes-Handyfoto-1: Kirche, Leinwand, Bierstand - optimal!

Als das Spiel losgeht und Stephan Graf von Bothmer, wie man mir später sagte der erfolgreichste Stummfilmmusiker des Landes, in die Orgeltasten haut, ist es schon erst mal ein etwas befremdliches Gefühl. Es geht nicht nur mir so, irgendwie kichern alle Zuschauer ein bisschen, aber allen sieht man an dass sie merken, dass sie grade Teil einer ganz tollen Sache sind. Die Spieler rasen aufs Tor zu – die Orgel stimmt ein Stakkato von Tönen an, Spannung wird aufgebaut, ein Schuss – leider kein Treffer. Schade. Die Musik wird leiser, plänkelt fast ein wenig vor sich hin. Zwischendrin erkennt man Auszüge aus bekannten Liedern wie „Marmor Stein und Eisen bricht“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“, doch die meiste Zeit schafft von Bothmer es, in seinen improvisierten Melodien und Rhythmen genau das widerzuspiegeln, was sich vor ihm grade auf der Leinwand abspielt. Dann ein Pass zu Gomez, Schuss – TOR! Die Zuschauer springen auf, jubeln, einige liegen sich in den Armen – nie war die Atmosphäre bei einem Fußballspiel für mich verwirrender und gleichzeitig so… toll! Das irgendwie andächtige Gefühl, dass man (ich) in einer Kirche automatisch bekommt, gepaart mit den Emotionen eines EM-Spiels. Wahnsinn. Selbst Presse, Funk und Fernsehen waren vor Ort dabei, um sich dieses Spektakel anzusehen.

Mist-Kamera-vergessen-schlechtes-Handyfoto-2: Der Organist bei der Arbeit

In der Halbzeitpause unterhielt ich mich kurz mit Alexander Eberle, der mir leider (noch) nicht bestätigen konnte, dass diese Veranstaltung bei den noch ausstehenden Spielen fortgesetzt wird. Die Orgel war leider nur eine mobile Leihgabe, die am Sonntag im Theater benötigt wird. Ich hab trotzdem mal meinen Wunsch geäußert, nochmal zu so einem Spiel kommen zu dürfen (Thekenmädels, ich hab alles gegeben!). Also warten wir mal ab.

Die Homepage des Vereins sollte auf jeden Fall im Auge behalten werden. Auch für andere Events! Und dem Ausgang des Spiels nach zu urteilen, hat unsere Kollaboration mit „dem da oben“ zumindest nicht geschadet.

Kommentare:

  1. Heute Abend:

    Deutschland - Italien im CFE

    An der Orgel Dominik Gerhard

    nicht verpassen und noch vielen weitersagen!!!

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    1. Hallo Herr Eberle,
      wir werden da sein und die Werbetrommel wird bereits fleißig gerührt! :) Schön, dass diese Veranstaltungsreihe tatsächlich fortgesetzt werden kann. Ich hoffe auf ein volles Haus! Bis heute Abend!

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